Garmin Instinct Solar

Durch einen beherzten Zugriff beim Geocaching hat sich das Display meiner Apple Watch vor einem halben Jahr verabschiedet. Nach einiger Zeit hat mir dann schon etwas am Handgelenk gefehlt und etwas Neues musste her. Ich habe mich für die Instinct Solar von Garmin entschieden.

Anders als die Apple Watch kommt die Instinct Solar mit einem ziemlich robusten Design daher. Der Rand des Kunststoffgehäuses steht schützend etwas über dem Gorilla-Glas des Displays, Wasserdichtigkeit ist bis 100m gegeben und auch sonst erinnert sie etwas an eine Casio G-Shock.

Das Armband aus Silikon ist sehr stabil und dennoch erstaunlich anschmiegsam, die Gehäuseabmessungen mit 45mm Durchmesser und 15,5mm Höhe noch durchweg hemdtauglich und die 53g Gewicht absolut nicht störend.

Die fünf Knöpfe haben einen angenehmen Druckpunkt und ermöglichen nach etwas Eingewöhnung eine zuverlässige und zielgerichtete Steuerung. Zum Aufladen wird ein proprietärer Stecker genutzt, der etwas weniger cool als das magnetische Laden ist, aber okay geht.

Mattscheibe

Auf einer Fläche von 23mm Durchmesser finden sich lediglich 128 x 128 monochrome Pixel wieder. Das ist nicht viel, aber ausreichend und stromsparend. Auch bei Sonneneinstrahlung ist die Anzeige gut ablesbar. Die Beleuchtung, die sich auch durch eine Arm-Hebe-Geste aktivieren lässt, ist schön gleichmäßig und nur bei starker Dunkelheit nötig. Solarflächen befindet sich vorwiegend am Displayrand.

Menüs und Steuerung

Wenn man das Wischen auf seiner Uhr gewöhnt ist, muss man sich hier erst mal etwas zusammenreißen, denn ein Touch-Display ist nicht verbaut. Es fehlt mir aber auch an keiner Stelle und ich wüsste keine Aktion, die sich besser durch Wischen als durch Klicken erledigen ließe.

Wichtig für die Verwendung der Uhr ist es, sich mit einigen Garmin-Bezeichnungen vertraut zu machen:

Displaydesigns sind das, was in der Apple-Welt Watchfaces genannt wird. Derer gibt es sieben Stück und das jeweils sowohl mit heller Schrift auf dunklen Hintergrund als auch invertiert. Insgesamt stehen also 14 Designs zur Verfügung, bei denen unterschiedlich viele weitere Informationen neben der digitalen Zeitanzeige oder den simulierten Zeigern dargestellt werden. Welche Informationen an den Platzhaltern auftauchen (hier würden Apple-Fans von Komplikationen sprechen) kann dann in einem zweiten Schritt verändert werden.

Apps sind in der Garmin-Welt sowohl alle Trainings (Lauf-App, Schwimm-App, Fahrrad-App etc.) als auch die Funktionen Navigieren, Tracker, Expedition, Flächenberechnung oder Wegpunkt-Projektion.

Widgets sind unterschiedliche Anzeige-Seiten. Diese werden durch die Hoch- und Runtertaste durchgeschaltet. So gibt es beispielsweise das Mein-Tag-Widget, welches die Schritte und Leistungen von heute präsentiert, ein Widget, welches die Solarintensität der letzten 6 Stunden anzeigt oder das Wetter-Widget. Aus einem Widget heraus können dann häufig weitere Informationen zu dem Thema angezeigt werden.

Steuerungen ist die wahrscheinlich anfänglich irritierendste Bezeichnung. Gemeint ist damit quasi das Kontrollzentrum der Apple-Watch. Es wird durch einen langen Druck auf den Knopf oben links angezeigt und ermöglicht beispielsweise Funktionen zum Ausschalten der Uhr, zum Einstellen der Displayhelligkeit oder zum Starten des Stromsparmodus.

Apps, Widgets und Steuerungen können individuell angeordnet oder ausgeblendet werden – hier ist sehr viel Personalisierung möglich. Gemeinsam mit dem Displaydesign haben sie jedoch, dass der ausgelieferte Funktionsumfang nicht ergänzt werden kann: Connect IQ, also einen App-Store, gibt es nicht.

Alle Uhr-Funktionen im weiteren Sinne (Wecker, Stoppuhr, Timer, Weltzeit) finden sich in einer „Ecke des Menüs“, die ABC-Funktionen (Altimeter, Barometer, Kompass und Thermometer) in einer anderen und die erwähnten Apps (Sport und Navigation) in einer dritten Ecke. Das finde ich ganz gut sortiert, zumal jeder Bereich durch eine eigene Taste repräsentiert wird.

Durch diese Absätze wisst Ihr jetzt mehr über die Uhr, als die Bedienungsanleitung (natürlich nur online verfügbar und nicht beigelegt) verraten würde. Die ist eine absolute Katastrophe und gänzlich unbrauchbar.

Alarm!

Detailliert sind die Alarm-Funktion: Es lassen sich nicht nur beliebig (?!) viele Weckzeiten erfassen, sondern jeweils individuell festlegen, ob eine Wiederholung (täglich, an Wochentagen) und zusätzlich zum Piepen eine Vibration erfolgen soll. Etwas schade ist, dass es nur einen „Klingelton“ gibt. Weitere Alarme sind der stündliche Pieps, und der bevorstehende Sonnenauf- und -untergang.

Außerdem gibt es einen Sturmalarm. Wahrscheinlich auf Basis bestimmter Luftdruckveränderungen meldet die Uhr dann, dass ein Sturm ansteht. Ich hatte das bisher einmal und saß gerade im Kajak. Prinzipiell also ein guter Zeitpunkt für eine Warnung. Aber der strahlend blaue Himmel, die App des DWD und die Realität haben die von der Uhr aufgestellte These dann komplett widerlegt. Auf der anderen Seite hat es auch schon einmal beträchtlich gestürmt und die Uhr hat davon nichts mitbekommen - die Funktion taugt also nicht.

Navigations-Funktion

Wenn Garmin etwas beherrscht, dann ist es Satellitentechnik. Das zeigt sich auch in der Instinct Solar: Ziemlich schnell wird durch GPS, Glonass und Galileo die Position ermittelt und auch unter einem Blätterdach oder dem Jackenärmel kann man mit der Genauigkeit gut arbeiten. Durch nur zwei Klicks lässt sich die aktuelle Position speichern und so beispielsweise der Parkplatz, ein Lager im Wald oder ein anderer interessanter Ort für eine spätere Navigation merken. Benannt wird der Wegpunkt durch Datum und Uhrzeit. Weiß ich also, wann ich geparkt habe, reicht mir das schon. Darüber hinaus können Bezeichnung und Icon aber auch direkt an der Uhr verändert werden, was naturgegeben etwas friemelig ist. Eine richtige Raster- oder Vektor-Kartendarstellung gibt es nicht – lediglich die relative Bewegung zu anderen Wegpunkten wird zusammen mit einer Hänsel-und-Gretel-Spur angezeigt. Ohne Farbe und bei dem kleinen Display in Verbindung mit der Auflösung würde das auch nicht sinnvoll funktionieren. Mir reicht jedoch die Luftlinie, bzw. die Trackback-Funktion immer aus.

Mit nur zwei Klicks ist der aktuelle Standort gespeichert

Sport-Funktionen

Schritte, Aktivitätsminuten, Etagen, Kilometer, Kalorien sowie Herzfrequenz und Schlafstatistik werden durch die Fitness-Tracker-Basisfunktion kontinuierlich mitgeschrieben und zusammen mit selbstgesteckten Zielen angezeigt und über die Garmin Connect-App mit der Garmin-Cloud synchronisiert. Darüber hinaus können Trainings, wie Laufen, Wandern, Schwimmen Rad-, SUP- oder Kajakfahren aufgezeichnet werden. Bei Outdoor-Aktivitäten werden dann auch die GPS-Daten erfasst. Welche Datenfelder im Trainingsmodus angezeigt werden, lässt sich individuell anpassen. Das ist super gelöst.

Power!

Täglich ans Ladekabel? Pah, nicht nötig. Ich lade die Uhr für gewöhnlich wöchentlich auf. Nötig wäre das noch nicht, aber ich mag den Rhythmus. Die Verbraucherseite (GPS, Beleuchtung, Pulsmessung) ist natürlich genauso individuell wie die Ladeseite (Sonnenlicht) und daher jede Woche anders. Allerdings ist die Verlängerung der Laufzeit durch Solar schon deutlich und alles andere als eine reine Spielerei.

Es gibt eine Anzeige der noch verbleibenden Tage im aktuellen Modus, spezielle Energiespar- und Expeditionsfunktionen und ein ziemlich umfangreiches Power-Management, durch das einzelne Komponenten ein- und ausgeschaltet werden können. Verzichtet man auf alles „smarte“, soll die reine Basisfunktionalität (Uhr, Fitness-Tracker) auf ewig mit Sonnenenergie erhalten werden können. Probiert habe ich das nicht.

Smart-Watch

In einer perfekten Welt zeigt die Uhr alle Benachrichtigungen, die auf dem gekoppelten Smartphone eingehen an. Sie erinnert an Termine, zeigt das aktuelle Wetter samt Vorschau und kann das Telefon klingeln lassen, falls man es in der Sofaritze mal wieder nicht findet. Was Garmin aber offenbar nicht kann, sind Apps für das Smartphone. Die zwingend erforderliche Garmin Connect-App im iPhone ist ein grausames UI- und UX-Monster Die Verbindung zwischen den Geräten läuft über Bluetooth und extrem unzuverlässig. Wenn am Morgen noch alles funktioniert, kann man sich nicht drauf verlassen, dass das am Nachmittag noch so ist. Die Apple Watch hatte hier nie Probleme, nutzt aber auch Wifi und nicht ausschließlich Bluetooth. Ist das bei allen anderen Smartwatches auch so ein Problem?

Ich beschränke mich jetzt darauf, einmal am Abend Smartphone und Uhr manuell zu synchronisieren, damit die gesammelten Fitness- und Sport-Daten gesichert werden. Irgendwann und am nächsten Tag wird dann vielleicht die gelaufene Route auch in der Connect-App angezeigt. Auf Benachrichtigungen verlasse ich mich nicht.

Damit ist die Instinct Solar für denjenigen, der diese Funktionen unbedingt benötigt nicht brauchbar.

Ach, eine weitere App ist noch Garmin Explore (Dafür das sie das nicht können, haben die für jeden Mist eine eigene App). Darin sollen Wegpunkte und Routen verwaltet und mit der Uhr synchronisiert werden können. Klappt so gut wie nie.

Sammlung von Sync-Fehlermeldung der Garmin-Apps

Modelle und Varianten

Die Uhr gibt es auch weiterhin in einer deutlich günstigeren Variante ohne Solar und darüber hinaus unterscheidet Garmin zwischen der Taktik-, Camo- und Surf-Edition. Der augenscheinlichste Unterschied liegt in der Farbe. Möchte man, wie ich, die Uhr in olivgrün haben, ist sie halt automatisch das taktische Modell. Technisch bringt sie dann unnütze Spielerein mit: Einen Modus für Nachtsichtbrillen, einen „Tarnmodus“ (man könnte auch einfach Flugmodus sagen), irgendetwas zum Fallschirmspringen was ich nicht verstehe und ein militärisches Positionsformat. Ich würde das gegen einen Gezeitenkalender tauschen, den gibt es aber exklusiv nur für die Surf-Edition.

Auch sonst ist das Angebot von Garmin nicht gerade übersichtlich: Mit Fenix, Tactix, Forerunner und eben Instinct sowie Vivoactive, Vivomove, Vivofit und Venu gibt es nicht gerade wenige Serien, die es teilweise anzuschauen lohnt: Wer nämlich Musikspeicher, Farbdisplay, Metallgehäuse, Connect IQ, Garmin Pay, Golffunktionen oder Topo-Karten benötigt, muss zu einer anderen Serie greifen.

Fazit

Für mich ist die Instict Solar eine Art G-Shock auf Anabolika. Casios Uhren konnten lange nur durch Größe und Haltbarkeit glänzen und nicht viel mehr als die Uhr anzeigen, eine Stoppuhr laufen lassen, stündlich piepsen und Wecken. Die Apple-Watch ist dann auf der anderen Seite der Skala: Elegant, unendliche Funktionen und leicht kaputt. Die Instict Solar liegt (auch preislich) in der Mitte.

Optisch ist sie als Outdoor-Uhr zu erkennen, ich trage sie aber auch im Büro. Ich finde es toll, nicht mehr jeden Tag Strom nachzulegen. In den Sommermonaten fühlte ich mich dank Solar sogar fast autark.

Die Standalone-Funktionen der Uhr sind klasse und durchdacht. Es funktioniert bis auf die Messung der Sauerstoffsättigung (hier kommt kein Ergebnis raus) alles recht zuverlässig. Ihr wahres Smartwatch-Potenzial kann die Uhr aber nicht ausleben: Entweder versaut Garmin seine Apps einfach auch nach Jahren noch, oder Apple trickst hier alle anderen aus und lässt das Zusammenspiel mit dem Smartphone nur mit der Uhr aus dem eigenen Hause zu. Spannend wäre zu wissen, ob die deutlich teureren Fenix-Uhren die gleichen Probleme haben. Mir würde sich nicht erschließen, warum sie dann so erfolgreich sind. Andererseits nutzen sie die gleiche App und sicher viel identischen Chipsatz…

Sei’s drum, ich bin mit meiner Uhr ganz zufrieden. Jedes Mal, wenn ich irgendwo anecke, freue ich mich, dass sie so unempfindlich ist.

Der Beitrag ist aus eigener Motivation ohne kommerziellen Anreiz entstanden und enthält nur meine Meinung. Das Produkt bzw. die Dienstleistung habe ich gekauft - nicht der Anbieter den Artikel.

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Kommentare

  • Tom

    18.09.2020 17:01 Uhr


    Hallo, toller Bericht. 🤘
    Gruss Tom